«Wiborada – ein Leben hinter Mauern?»

Am Donnerstag, dem 23. September freuten wir uns, nach eineinhalbjähriger Pause endlich wieder zu einem Gastvortrag einladen zu dürfen. Passend zum Gedenkjahr hatte dieser das Leben und Wirken der heiligen Wiborada zum Thema. Die Theologin und Religionswissenschaftlerin Ann-Katrin Gässlein brachte uns die Persönlichkeit Wiboradas und die Zeit, in der diese erste Frau, die überhaupt offiziell von Rom heiliggesprochen wurde und vor über 1000 Jahren in St. Gallen lebte, näher. Sie tat dies entlang der Lebensbeschreibung Ekkehards I, der um das Jahr 1000 im Auftrag von Bischof Ulrich von Augsburg das Leben Wiboradas aufgezeichnet hatte. Immer wieder flossen Zitate aus dieser ältesten Lebensbeschreibung in ihren Vortrag ein.

 

Unter der Überschrift «Wiborada und die Einsamkeit» spannte Ann-Katrin Gässlein im ersten Teil ihres Vortrags einen weiten religionsgeschichtlichen Bogen von der «Achsenzeit» (800 – 200 v. Chr.) bis in unsere Gegenwart. Die Erfahrung von «Einsamkeit» wird von dem Ägyptologen Jan Assmann als Initialzündung für die Entstehung von Poesie und Literatur und damit auch für die Entstehung der heiligen Schriften in der «Achsenzeit» identifiziert. Auch die Bücher des Alten Testaments entstanden in dieser Zeit. Freilich unterlag die Bedeutung der Erfahrung «Einsamkeit» im Laufe der Jahrhunderte einem Wandel und wurde und wird auch in den verschiedenen Religionen durchaus sehr unterschiedlich bewertet. Dies reicht vom Verständnis der Einsamkeit als religiöse Kategorie über die Erfahrung von Einsamkeit als existentielle Bedrohung bis hin zur Vorstellung von Einsamkeit als Verfehlung der Schöpfung, die von vielen frommen Juden geteilt wird: «Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist.» (Gen 2,18).

 

Im zweiten Teil ihres Vortrags stellte Ann-Katrin Gässlein verschiedene Dimensionen der Erfahrung von Einsamkeit nebeneinander: Einsamkeit als Zustand der Sehnsucht, Allein-heit und Abgeschiedenheit. Entlang der Lebensbeschreibung Ekkehards I und immer wieder im Blick auf das Leben Jesu und die biblischen Schriften arbeitete die Referentin diese verschiedenen Dimensionen im Blick auf Wiborada heraus. Was hat sie sich ersehnt und gesucht, die zunächst als Inklusin in St. Georgen eine Klostergemeinschaft von gleichgesinnten Schwestern gegründet hat, danach 10 Jahre ihres Lebens eingemauert in einer Klause neben der Kirche St. Mangen im Gebet versunken und dennoch im regen Austausch mit den Menschen gelebt hat? Auf welche biblischen Vorbilder konnte sie sich berufen? Die Lebensbeschreibung des Ekkehard gibt dazu keine eindeutige Antwort, aber am Ende unseres Abends verdichtet sich der Eindruck, dass es Jesus Christus selber ist, dem die heilige Wiborada in ihrem Leben nachgefolgt ist. Den Menschen zugewandt gibt sie als Ratgeberin die Liebe Gottes weiter. Wir wissen nicht, welche Ratschläge sie im Einzelnen erteilt hat, aber sie müssen für die Liebe Gottes hin durchlässig gewesen sein, denn als liturgisches Zeichen gab sie den Ratsuchenden jeweils ein von ihr selbst geweihtes Brot mit.

 

Ann-Katrin Gässlein hat uns mit ihrem breiten und fundierten Vortrag einen besonders tiefen und umfassenden Blick auf die heilige Wiborada gegeben und dabei gleichzeitig auch  interreligiöse und religionsgeschichtliche Annäherungen an die Heilige eröffnet. Unterstützt wurde ihr Vortrag durch sehr umfangreiches Bildmaterial. Ein grosses Dankeschön an die Referentin für diesen eindrücklichen Vortrag, der noch länger in uns nachhallen wird!

Isabelle Müller-Stewens