Die Bibel lesen mit Herz und Verstand – Lectio divina vom 9. Dezember 2025:

Wie soll das alles weitergehen? Wenn Gott einen Neuanfang setzt und Menschen sich neu finden müssen – Lectio divina zur Weihnachtsgeschichte nach Matthäus (Mt 1,18-25)

Es war eine spannende Geschichte, die zum Schluss der diesjährigen Lectio divina – Reihe «Pilger der Hoffnung» im Mittelpunkt stand: die Weihnachtserzählung des Evangelisten Matthäus. Nicht Krippe, Herbergssuche, Hirten und Engelgesang stehen im Mittelpunkt, sondern die Nöte Josefs, der auf die unerwartete Schwangerschaft seiner Verlobten Maria reagieren soll.

Die Lectio divina beginnen wir jeweils mit einem Gebet und einem Lied. Zur Adventszeit, «Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht…». Nach kurzen Erläuterungen zum Bibeltext, seinem literarischen und historischen Kontext, auffälligen Worten und Begriffen erfolgt die erste Begegnung mit dem geschriebenen Wort: Der Text wird vorgelesen, und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lesen still mit oder hören aufmerksam zu. Die Stille im Anschluss an diese erste Lektüre lässt die biblischen Worte nachklingen und lädt ein zum intensiven (Nach-)Lesen. Beim nun folgenden «Echolesen» wiederholen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die nach ihren Eindrücken markanten Wörter und Sätze wie «Fürchte dich nicht»; «zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete»; «ihm sollst du den Namen Jesus geben», «Immanuel»; «das Kind ist vom Heiligen Geist» etc. Durch das aufmerksame Hören auf die wiederholten Worte und Satzteile verfestigt sich der Bibeltext im Herzen der Lesenden.

Wir begegnen dem Text anhand zweier Frageschlüssel. Der erste Fragenkomplex betrifft Fragen zum Text: «Ich lese den Text». Hier geht es um die genaue Lektüre des Textes: «Was sagt der Text zu Josef, was sagt er zu Maria?  Wie wirkt der Heilige Geist? Welche Erwartungen sind mit dem Namen «Jesus» verbunden?» Einen speziellen Diskussionspunkt bildete die Frage nach der «Jungfrauengeburt». Sie ist im hellenistisch-römischen Kontext keine unbekannte Vorstellung, anders als in der jüdischen Tradition. Was möchte uns der Evangelist damit sagen?

Der zweite Fragenteil «Der Text liest mich» betrifft die persönliche Auseinandersetzung. Jetzt treten wir mit unserem Leben in den Dialog mit dem Bibeltext. Fragen wie, «Versetzen Sie sich in Josef. Kenne ich vergleichbare Lebenssituationen? Wer oder was konnte mir bei der Entscheidung helfen?» können uns dabei helfen, den Text auf unser Leben hin zu befragen.

Abgeschlossen wird die Lectio divina nach einer Stunde mit einem gemütlichen Beisammensein derjenigen, die noch Zeit haben. Ein Hauch von Weihnachten mit Guetzli und jüdischem Neujahrskuchen sollte dieses Mal nicht fehlen. Eine runde Sache.

Vor etwa 15 Jahren nahmen wir in Mörschwil das Modell der «Lectio divina» auf und passten es in den ersten Jahren den Erwartungen und Bedürfnissen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer zunehmend an. Die Pfarrei Mörschwil war damit eine der ersten in der Schweiz, die diesen Ansatz verfolgte und ihn über das Katholische Bibelwerk in der Schweiz populär machte.

2026 nehmen wir nun die Reihe «Ein Herz und eine Seele» auf. «Aufmerksamkeit schulen. Verschiedenheit aushalten. Zuhören lernen.» In Zeiten, in denen sich Menschen gerne in Blasen, nicht nur religiösen und kirchlichen, verschanzen, gilt es, die anderslautenden biblischen Optionen im Gespräch zu behalten. Wir freuen uns auf ihr Kommen!

 

Flyer: Ein Herz und eine Seele – Die Bibel lesen mit Herz und Verstand – Übersicht Jahr 2026