Annette Kehnel: Todsünden heute?
Am Mittwoch, 14. Januar, war im Rahmen der Erwachsenenbildung Professorin Dr. Annette Kehnel zu Gast mit einem ungewöhnlichen und irritierenden Thema. Todsünden. Selbst die Kirchen und Beichtspiegel vermeiden die Rede davon. Mit ihrem Buch «Die sieben Todsünden» greift die Historikerin eine Problematik auf, hinter der sich eine verblüffende Aktualität verbirg: Völlerei, Besitz, Konsum, Überdruss, Konkurrenz, Gewalt und Macht stehen im Christentum im Verdacht, den Zugang zum Reich Gottes definitiv zu versperren. Im Mittelalter bemühten sich Menschen darum, ein entsprechendes Handeln zu vermeiden oder schlimmstenfalls zu bereuen. Das Ziel des guten Lebens durfte schliesslich nicht verfehlt werden. In einer Tour de Horizon erläuterte Annette Kehnel die ursprüngliche Bedeutung der verschiedenen Todsünden und ihre Verwerflichkeit. Und heute? Bernhard Mandeville schliesslich rehabilitierte im 17. Jahrhundert die Todsünden mit seiner «Bienenfabel»: Private Laster – öffentliche Wohltaten, lautete sein Motto. Nach Kehnel ist klar, Mandevilles Moral leuchtet ein: «Stolz, Luxus und Betrügerei – muss sein, damit ein Volk gedeih. Quält uns der Hunger oft auch grässlich, zum Leben ist er unerlässlich.» Eine (kapitalistische) Ökonomie, die nicht die Todsünden bedient, wie Luxus, Gier und Völlerei etc., ruiniert sich letztlich selbst.
In diesem Zusammenhang gewinnt Kehnels Analyse der Todsünden eine brisante Aktualität. Denn die klassischen Todsünden ruinieren in der Tat nicht nur ein einzelnes Leben, sondern im gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang die Menschheit. Die Erinnerung an die Todsünden bedeutet darum in der Tat ein Menschheitswissen im Zeitalter der Krise. Und als die Todsünde des 21. Jahrhunderts identifiziert Kehnel die acedia, die Trägheit: «Wir wissen, was zu tun ist, tun es aber nicht.»
Annette Kehnel hat mit ihrem Beitrag eine Problematik ins Blickfeld gerückt, die lange unterbelichtet blieb. Todsünden gehören wohl zum menschlichen Leben. Umso wichtiger ist es, ihre verheerende Bedeutung heute und in Zukunft nicht zu unterschätzen.
Bernd Ruhe
